Dynamis

Die neue Ausgabe der „Dynamis“, in welcher mein Beitrag veröffentlicht wurde, liegt nun an der Uni auf. Leider gibt es noch keine pdf-Ausgabe, daher kann ich hier nur meinen eigenen Beitragstext zur Verfügung stellen. Dabei wären alle Beiträge sehr lesenswert!

Wie geht es mir?

Der Sommer 2017 war kein guter Sommer für mich. Das lag in erster Linie an einer gewissen Orientierungslosigkeit und Trägheit, in die ich fiel, und aus der ich nicht herausfand. Dabei gab es jeden Tag Momente, an denen ich dankbar war für meine Lebensumstände, die es mir ermöglichten, frei zu sein und das zu tun, was mir wichtig erschien. Ich war zufrieden mit meinem Körper und konnte mit gewissem Stolz behaupten, dass er ohne Medikamente und Schulmedizin in optimalem Zustand war. Auch hatte ich das Gefühl, Außergewöhnliches leisten zu können. Alles, was ich mit Begeisterung begann, führte zu guten Ergebnissen. Ich möchte mich nicht als übertrieben eitel bezeichnen, aber in gewisser Weise fühlte ich mich begnadet. Trotz diesem Bewusstsein über all die Möglichkeiten, die mir offen standen, lähmte mich eine tiefe Sinnkrise. Ich fühlte mich zwar begnadet, aber auch festgefahren in einem Sumpf von Trägheit und abgeschnitten von der „Welt da draußen“.

Es tauchten Fragen auf: Wozu das alles? Wozu kreativ sein? Fotografieren war lange Zeit meine große Leidenschaft. Nun fragte ich mich vor jedem Druck auf den Auslöser: Wer brauchte dieses Bild überhaupt? Wozu hielt ich das fest? Um andere mit meinen Bildern zu beeindrucken? Oder hatte ich tatsächlich etwas mitzuteilen? Zweifel und Unzufriedenheit lähmten mich.

Zwei Seminararbeiten lagen unvollendet am Schreibtisch, ich schob sie von Woche zu Woche durch die Ferien. Wie in klebrigen Schlamm gehüllt, der jegliche Begeisterung und Lebensfreude erstickte, so fühlte ich mich. Die Tage waren unendlich lang im Sommer! Womit sollte ich sie ausfüllen, wenn nichts wirklich Spaß machte und niemand zwingend was brauchte von mir? Das einzige Licht am Horizont war der nahende Beginn des Herbstsemesters, das Wiedersehen mit lieben Freunden und neue Herausforderungen. Meine Begeisterung lag in der Zukunft, lag in Erwartungen an sie. Aber die Zukunft sollte sich ganz anders als geplant gestalten diesmal.

Ein Freund und Fotokollege, Arzt im Salzkammergut-Klinikum Bad Ischl, drängte mich Mitte September bei einem Telefonat sehr ernst und eindringlich zu einem medizinischen Komplettcheck, nachdem ich ihm eher beiläufig von akuten, diffusen Beschwerden im Bauchraum erzählt hatte. An einem kühlen Septembermorgen fuhr ich also nach Bad Ischl zu einer zweitägigen Untersuchung. Schon am ersten Tag war alles klar. Am frühen Nachmittag kam er mit gesenkten Kopf ins Zimmer und blickte mich ernst und betroffen an. „Komm, setz dich.“ forderte er mich auf.

Am Fenster sitzend – hinter ihm sah ich die herbstlichen Farben der Berge– sagte er mit traurigem Sarkasmus: „Wir haben einen Volltreffer gelandet!“ Nach einer kurzen Pause dann sehr viel mitfühlender: „Christa, auf dich kommen schwere Zeiten zu! Du wirst in der nächsten Zeit sehr viel mit dir selbst beschäftigt sein.“

Das war der Moment, in dem sich mein Leben mit einem Schlag veränderte. Er sprach das Wort „Krebs“ wohl bewusst nicht aus, sondern erzählte mir von „Zellverdichtungen und -veränderungen im Bereich der Bauchspeicheldrüse. Das Sonderbare war meine Gefasstheit nach dem ersten Schock („auch ich also …!“). Meine Gedanken beschäftigten sich kaum mit der Frage, warum es gerade mich traf, sehr wohl aber mit der Suche nach möglichen Auslösern oder einer erkennbaren Kausalität, vorwiegend im seelischen Bereich. Sonderbarer Weise war da aber auch ein gewisse Erleichterung. Alle Verpflichtungen, alle Erwartungen, die an mich gestellt wurden, waren mit einem Schlag nichtig geworden. Ich würde mich jetzt nur mit mir beschäftigen, und in diesem Fall war das ganz legitim.

Die Aussage, dass schwere Zeiten auf mich zukommen würden, war aber auch eine Herausforderung, der ich nichts entgegenzusetzen hatte. Ich musste sie annehmen, der Körper gab plötzlich die Richtung vor und in gewisser Weise fühlte ich mich ihm ausgeliefert.
Gleichzeitig war der Tod ganz nah. Auch wenn ich ihn als Studentin der Philosophie ja immer irgendwie im Auge hatte und zu ergründen suchte, so wurde er dann, als er plötzlich so nah erschien, doch ein großer Stressfaktor. War ich denn gut genug auf ihn vorbereitet? Ich bin ein spiritueller Mensch, aber immer wieder suchend und zweifelnd. So viele Glaubenskonzepte und Praktiken, welcher Weg war der richtige? Sollte ich nun vermehrt meditieren oder doch lieber beten? Wie viel Zeit würde mir noch bleiben, und wohin sollte ich mich wenden? Sollte ich im Sinne des Tibetischen Totenbuches noch versuchen, mich über entsprechende Meditationen auf den Übergang vorzubereiten? Wäre das ohne Lehrer überhaupt möglich? Oder könnte ich doch rechtzeitig im Christentum einen Zugang finden, obwohl ich noch immer so große Probleme mit den Gottesbildern und der Trinität habe?

Viele dieser Fragen kreisten in meinem Kopf und brachten eine gewisse Unruhe und Hektik mit sich. Dazu kam, dass ich manche mir nahestehende Menschen mit meiner Offenheit in Bezug auf die Krankheit überforderte. Erst langsam konnte ich differenzieren, wer wofür bereit war. Krankheit und Tod: darüber sprach nicht jeder gerne.

Über meinen Körper kam der Geist dann schließlich zur Ruhe. Der Körper rebellierte offenbar auf seine Weise gegen die bevorstehende Chemotherapie, vor der ich große Angst hatte und fieberte tagelang. Schließlich drückte noch der Tumor auf den Magenausgang und legte das Verdauungssystem lahm.

All diese Zwischenfälle ergaben insgesamt einige Wochen Krankenhausaufenthalt. Ich war nun endgültig der Schulmedizin ausgeliefert! Und doch: gerade dieses Ausgeliefertsein zwang mich förmlich ganz in der Gegenwart zu leben und geschehen zu lassen, zu erdulden. Wenn man selbst nichts tun konnte, blieb nur Vertrauen und Hoffnung und bewusstes Wahrnehmen. Im Ordensklinikum der Elisabethinen konnte das auch wirklich gelingen! Ich fühlte mich geborgen, gut versorgt, genoss die liebenswürdige, einfühlsame Betreuung durch das Krankenhauspersonal und spürte, wie sehr mich die wertschätzende Zuwendung mit demütiger Dankbarkeit erfüllte. Vertrauensvoll ließ ich endlose Untersuchungen und das mehrmalige Setzten einer Magensonde über mich ergehen, weil alles mit so viel Geduld und Einfühlungsvermögen geschah. Ich erlebte aber auch unglaublich sinnliche Genüsse, zum Beispiel die Intensität des Geschmackes von klarer Suppe, nachdem ich eine Woche nur intravenös ernährt worden war. Mit einem fast ehrfürchtigen Glücksgefühl nahm ich die heiße Flüssigkeit in mich auf. Wann zuletzt hatte ich so bewusst und genussvoll Suppe gegessen?

Nachdem ich von guten Freunden laufend mit Büchern versorgt wurde, verbrachte ich die meiste Zeit mit lesen. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so viele Bücher in relativ kurzer Zeit verschlungen hatte. Es war mir möglich, ohne Ablenkung in die Geschichten einzutauchen. Es waren auch Bücher dabei, die mich der christlichen Spiritualität ein gutes Stück näherbrachten. Ich suchte schon längere Zeit nach einem geeigneten Gebet, denn ich wollte beten. Der Seelsorger im Krankenhaus, der mir inzwischen ein angenehmer Gesprächspartner geworden war, machte mir ein paar gut gemeinte Vorschläge, aber ich beließ es dann doch lieber bei kontemplativer Andacht, um dem Göttlichen die Möglichkeit zu geben, ein Zeichen auf die leere Wand in mir zu setzten. So hatte ich es bei der buddhistischen Zen-Meditation gelernt. Für eine Suchende erschien es mir als gute Möglichkeit, auf diese Weise vielleicht von der absoluten Wirklichkeit gefunden zu werden.

Nach der Lektüre eines Buches (1), das speziell auf die hermeneutische Bedeutung von Gottesbildern in der Bibel einging, kam mir dann eines Nachts ein Zitat in den Sinn: „Hier bin ich, sende mich!“(2) Ohne die Vermessenheit, mich eventuell als zukünftige Prophetin zu sehen, hatte ich bei diesen Worten das Gefühl, dass sie genau für meine gegenwärtige Situation passen würden. Sie drückten genau diese vertrauensvolle, aktive Hingabe aus, die ich auch körperlich hier im Krankenhaus erlebte:.Ich bin da und vertraue mich an. Ich bin bereit, wohin auch immer der Weg führen mag. Ich vertraue darauf, dass es ein Sinn-voller Weg sein wird. Für mich, oder für andere.
„Sende mich!“ Das kann konnte eine Bitte sein, oder eine Aufforderung.

Zu diesen inneren, stillen Erfahrungen kamen aber auch die intensiven menschlichen Begegnungen, die mich sehr erfüllten. Die Station B4 bei den Elisabethinen wurde ganz schnell meine zweite Heimat. Hier trifft traf man wirklich offene Menschen, im Gegensatz zu den vielen Personen (lat. „persona“ = Maske, Rolle im Schauspiel) in der hektischen Welt draußen.
Menschen, die man noch nie zuvor gesehen hatte und vielleicht auch nie wieder sehen würde, öffneten sich hier wie selbstverständlich. Einen ganzen Abend saß ich zum Beispiel mit einer Bettnachbarin zusammen und wir sprachen über Erlebnisse, Verletzungen, Ängste, Werte und den Glauben. Wir weinten zusammen (ja, endlich konnte ich auch ein paar Tränen vergießen), als wäre das selbstverständlicher Teil eines Gespräches. Für eine Nacht wurden wir enge Vertraute, verbunden durch ein ähnliches Schicksal. Das war eine der wunderbaren Erfahrungen, die man oft leider erst in der Grenzsituation von schweren Krisen oder Krankheiten erlebte. Wie viele starke Frauen traf ich hier und wie viel Angst wurde mir durch sie genommen! So genoss ich – trotz aller Widrigkeiten einer schweren Erkrankung – die Vorweihnachtszeit im sanften Licht der inneren Werte und hatte das Privileg, vom Konsumterror völlig unberührt einen ganz besonderen Weihnachtszauber auf mich wirken zu lassen.

Wie geht es mir also? Ich lebe intensiver. Im Sommer fühlte ich mich von allem Lebendigen abgetrennt und isoliert. Mein Körper hat über die Krankheit hat diese Verbindung wieder hergestellt. Im Blick auf meine Vergänglichkeit wurde ich wieder mit dem Leben verbunden. Ich fühle mich jetzt nicht mehr einsam, auch in Momenten, wo ich alleine bin. Ich erlebe, wie erwärmend und wertvoll es ist, Freunde zu haben, die sich auch nicht scheuen, mit mir über Krankheit und Tod zu reden. Ich habe manchmal Angst, aber Vertrauen und Hingabe sind keine rein theoretischen Begriffe mehr für mich: „Sende mich, ich bin bereit!“

Christa Romana Scharf, Dezember 2017

1 Vgl. Krätzl, Helmut, … und suchen dein Angesicht. Gottesbilder – Kirchenbilder, Wiener DOM-Verlag
2 Jesaja, 6,8

4 Gedanken zu „Dynamis

  1. pete

    Dein Text ist sehr berührend … traurig dass solche Nähe erst unter so schlimmen Umständen entsteht… ich traue dir sehr viel kraft zu auch wieder in hellere Zeiten zu gelangen!,,, mit allerbesten Wünschen peter kaminger (das ist helgas peter)

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  2. michael rohrbach

    Liebe Christa, wie auch von anderen verfasst, Dein Geschriebenes hat mich sehr berührt und mir eine gewisse Ruhe vor der Zukunft aufgezeigt. Christa, ich wusste gar nicht, wie stark Du bist…..

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    1. Christa Beitragsautor

      Lieber Michael, danke für deine Zeilen. Die Zukunft beunruhigt mich natürlich schon manchmal, daher versuche ich, mit meinen Gedanken so weit es geht in der Gegenwart zu bleiben. Wenn ich dann in etwas vertieft bin, das mir Freude macht, vergesse ich manchmal sogar eine Zeit lang meine Krankheit. Ist das Stärke? Na ja, es ist jedenfalls eine große Herausforderung und gelingt auch nicht immer…

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